Brief von Schwester Fides Behrendt

Sao Paulo: Ein Brief von Schwester Fides Behrendt

 

Liebe Freunde und Wohltäter,

 wieder geht es auf Weihnachten zu. Bis zum Fest soll der Werkstättenbau in "Lar Irma Irês"-Embu Guacu/ Sao Paulo fertig sein - ein Projekt zur beruflichen Bildung Heranwachsender - von allem solcher, die ohne Kenntnisse und praktische Fertigkeiten keine Arbeit finden und in ihrem Milieu gefährdet sind.

Nachdem die (etwas komplizierten) Verhandlungen mit den Eigentümern des Grundstückes gegenüber dem eigentlichen Heim einen günstigen Abschluss fanden, konnte Anfang Juni mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die Firma (aus dem Hinterland) hatte schon zuvor für uns gearbeitet. Für jede Etappe bringt sie Fachleute 560km weit her, die erst nach Vollendung ihrer Teilaufgabe heimkehren. Den Fortgang der Arbeiten begleite ich persönlich. Einzelheiten können oft nur nach und nach entschieden werden. Dabei müssen wir den Kostenpunkt berücksichtigen. Sorgen soll ich mir deshalb nicht machen, meint der für den Bau verantwortliche Ingenieur. Er will, dass sich das Projekt sehen lassen kann. Bezahlen können wir auch nächstes Jahr noch ...

Er leitet zur Zeit noch zwei Bauwerke in Sao Paulo: eine Privatschule und ein staatliches Gefängnis. Die Strafanstalten sind überfüllt - mit ein Grund für die vielen Revolten mit Massenausbrüchen, Geiselnahmen und Tötung von Gefangenen und Wärtern.

Zu Beginn des Baues machten der Wassermangel und die Rationierung des elektrischen Stroms (seit Juni in fast ganz Brasilien) Schwierigkeiten. Doch die Stadt hat ein lebhaftes Interesse an der Verwirklichung unseres Projektes und machte bei "Lar Irma Irês" eine Ausnahme.

Besonders an der Peripherie gibt es nicht alle Tage Leitungswasser und dann nur stundenweise. Darum haben die Häuser (auch die Creches und unser Konvent) Wasserspeicher auf oder unter dem Dach.

Vielleicht fällt auf den Fotos auf, dass die Fenster und alles ringsum vergittert ist, eine Notwendigkeit wegen der vielen Raubüberfälle. In der ersten Oktoberwoche drangen am mutmaßlichen Zahltag wieder drei Bewaffnete in "Lar Irma Inês" ein und fassten einen Bauarbeiter, der gerade in der Verwaltung war. Sie verlangten das Geld , fanden aber keins. Die Angestellten holen ihren Lohn auf der Bank ab. - In derselben Woche wurde einer der drei getötet.

Um die Apparate und Maschinen in den Werkstätten besser zu schützen, muss eine Alarmanlage angebracht werden - dazu ein Nachtwächter.

Schwester Fides: Kinder

Im Heim funktioniert seit Anfang September ein Basar, so etwas wie ein ständiger Flohmarkt, der guten Zuspruch findet. Der Erlös soll helfen, die Arbeitslöhne für die 27 (nicht ehrenamtlichen) Hilfskräfte aufzubringen.

An der Mitarbeit bei den berufsbildenden Kursen zeigen sich verschiedene staatliche und halboffizielle Institutionen interessiert. Am 30. Oktober war eine Vertretung vom SENAI (Servicos Nacionais Aprendizagem Industrial) in "Lar Irma Inês". Sie fanden die Anlage ideal für Kurse. Wahrscheinlich übernehmen sie die Bäckerei.

SENAI verlangt zweckdienlich eingerichtete Räume, schickt dann ihre Ausbilder und stellt offiziell anerkannte (Abschluss-)Zeugnisse aus. (Die Bäckereieinrichtung werden wir erst noch beschaffen müssen ...)

Das "Centro Profissionalizante Sao Francisco" in Valo Verde/ Pirajussara hatte SENAI - trotz der vollständigen Einrichtung - 1996 nicht übernommen, weil die Diözese Campo Limpo-Sao Paulo entgegen ihrer Zusicherung so viel Raum für Kapelle und Versammlungsraum besetzt hatte, dass die Ausmaße für Bäckerei und Schreinerei den Vorschriften nicht mehr genügten.

Die Bäckerei in "La Nossa Senhora Aparecida"/ Parelheiros funktioniert prekär. Dona Celita, eine tonangebende Sozialarbeiterin auf dem Jugendgericht, rief mich Anfang August an und erbot sich, einen ihr befreundeten Rechtsanwalt zu veranlassen, den Prozess wegen "Lar N. Sra. Aparecida" in die Hand zu nehmen. Doch seit gut zwei Monaten streikt nun das gesamte Justizpersonal in Sao Paulo. Schlimm auch für die Gefangenen, die ihre Strafe abgessen haben und nicht entlassen werden, weil niemand die Prozesse bearbeitet. - Auch Kinder vom CRES-SER in "Lar Irma Inês" haben Angehörige im Gefängnis.

In "Casa Padre Juanito" fanden im August drei Kinder Adoptiveltern. Zwei Brüder (7 und 8 Jahre) gingen nach Italien. Ein Vierjähriger blieb in Sao Paulo.

Dafür schickte der Richter gleich drei vom Hunger gezeichnete Mädchen, Schwestern im Alter von 4, 5 und 7 Jahren, die sich gut einlebten.

Jaqueline (12) und Leandro (10) sind schon fast vier Jahre in "Casa P. Juanito". Die Mutter, Prostituierte und Drogenhändlerin ohne feste Bleibe, der die Kinder auf anonyme Denunziationen hin wegen Mißhandlung und Mißbrauch in ihrem Milieu weggenommen wurden, verlangt ihre Rechte. Sie ist gefährlich. Das Jugendgericht hält sie hin. (Wahrscheinlich kommt es ihr ganz gelegen, dass andere die Sorge und Last mit den Kindern haben, während sie das "Mutterrecht" behält.) Nun ist sie im 6. Monat schwanger. Auch von diesen Frauen hoffen nicht wenige, einen (zahlungsfähigen) Mann an sich binden zu können, wenn sie ein Kind von ihm haben... Cida hat es schon zweimal versucht. Von den beiden Kindern, Jaquelin und Leandro, existiert kein Vater. Für eine Auslandsadoption ist es zu spät. Hier hätte sie niemand gewollt.

In der Abela-Familie ist es den Kleinen leichter als mit den Großen. Das jetzt sieben Monate alte Nesthäckchen Crislene ist ein liebes gesundes Baby. Auch die Zwillinge, Ana Flávia und Ana Cláudia (14), machen Freude. (Die bettelarme Urgroßmutter hatte sie bald nach der Geburt zu Angela gebracht, weil sie nicht für die von der Mutter verlassenen Säuglinge aufkommen konnte.)

Die beiden sind jetzt in der 8. Klasse, haben gute Noten. Es wäre schade, wenn sie jetzt die Schule verlassen müßten, um Geld zu verdienen. Der Unterhalt der großen Familie wird teuer, und mit dem geistig behinderten Halbwüchsigen ist nicht zu rechnen. Auch der jetzt 9jährige José Alvino (die Eltern sind Geschwister, beide blödsinnig) wird immer schwieriger in der Schule und daheim.

Lucilene (26) ist im 5. Monat schwanger. Sie ist die Zweitälteste der sechs Schwestern, die wir Anfang 1982 sich selbst überlassen im Slum fanden, fünf tuberkulös. Luciana, die Älteste (damals acht) holte Abfallsäcke. - Wir wurden auf die Kinder aufmerksam, nachdem die kleinen Buben in der Reisighütte gezündelt hatten, und Nachbarn sahen, wie Feuer zum Dach hinausschlug. Luciana (sie kam in der Schule bis zur 4. Kasse) ist verheiratet. Die Familie (3 Kinder) ist glücklich - wenn auch arm.

Lucilenes Freund ist verheiratet, hat zwei Kinder. Seine ganze Familie ist gegen die Verbindung mit Lucilene. Mir sagte sie vor Monaten so leichthin: "Er kann sich ja scheiden lassen und mich heiraten. Dann ist alles in Ordnung." (Was der Mann verdient, reicht nicht hin, zwei Familien zu unterhalten.) Zu konsequenten Denken war Lucilene nie fähig. Angela ist traurig: Was bleibt von der christlichen Erziehung? Das könnte man bei den meisten "meiner" erwachsenen Kinder fragen.

Die Hoffnung bleibt, dass gute Saat einmal aufgeht. Ist es nicht schon etwas Wert, wenn z.B. der unbeständige Hélio de Jesus (ich ließ ihn am 15. August 1975 geboren werden; wahrscheinlich ist er älter) ehrlich ist, immer wieder Arbeit sucht und findet und nichts mit Drogen, auch nicht mit Alkohol zu tun hat?

 Schwester Irmgard Fides Behrendt

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